E-Mail nach China Anfang der 90er Jahre
Eine Erinnerung aus der Frühzeit der Vernetzung
Zeitzeugenbericht eines DECnet-Managers für Nordeuropa beim DESY (Deutsches Elektronen-Synchrotron), Hamburg
Aufgezeichnet im Januar 2026
Historischer Kontext
Anfang der 1990er Jahre befand sich die internationale Vernetzung noch in einem frühen Stadium. Während in Europa und Nordamerika bereits Netzwerke wie das DECnet-basierte HEPnet (High Energy Physics Network) die großen Forschungseinrichtungen verbanden, war China noch weitgehend isoliert.
Das Institute of High Energy Physics (IHEP) in Beijing war seit 1988 über eine X.25-Satellitenverbindung mit dem CERN verbunden und fungierte als einziges internationales Gateway für die chinesische Wissenschaftsgemeinschaft. Von dort aus hatten etwa 300 von Chinas führenden Wissenschaftlern Zugang zu internationaler E-Mail – allerdings nur über Dial-up-Verbindungen.
Eine feste Netzwerkverbindung zwischen Beijing und anderen chinesischen Städten wie Shanghai, Hefei, Wuhan und Nanjing wurde erst im März 1995 mit IP/X.25-Technologie realisiert.
Das HERA-Projekt und die Suche nach internationalen Partnern
Am DESY wurde in dieser Zeit der Bau von HERA (Hadron-Elektron-Ring-Anlage) vorangetrieben – einem der weltweit größten Teilchenbeschleuniger. Der damalige DESY-Direktor Prof. Björn Wiik warb international um Unterstützung für dieses ambitionierte Projekt, unter anderem auch in China.
Ein wichtiger potenzieller Partner war die University of Science and Technology of China (USTC) in Hefei, Provinz Anhui. Die USTC, 1958 von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften gegründet, verfügte über ein renommiertes Physik-Department und ein „Joint Institute for High Energy Physics“ in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich.
Die technische Herausforderung: E-Mail nach Hefei
Da es keine direkte Netzwerkverbindung nach Hefei gab, mussten E-Mails einen komplexen Weg nehmen:
Der Routing-Pfad
↓ DECnet/HEPnet
VXCERN (CERN, Genf)
↓ DECnet/X.25
IHEP (Beijing)
↓ Modem-Einwahl über Telefonleitung
USTC (Hefei)
↓
Empfänger
Das E-Mail-Adressformat
Die Adressierung kombinierte mehrere Netzwerktechnologien in einer einzigen Adresse:
DESY::VXCERN::IHEP::<Telefonnummer>::USER
oder mit X.25/PSI-Notation:
GATEWAY::PSI%<X.121-DTE-Adresse>::USER
Erklärung der Bestandteile
::– DECnet-Trennzeichen zwischen Knoten (im Gegensatz zu@im Internet)DESY– Startknoten in HamburgVXCERN– Gateway-Knoten am CERNIHEP– Institute of High Energy Physics in Beijing%– Gateway-Routing-Symbol (ähnlich dem „Percent Hack“ im frühen Internet)- Die „Telefonnummer“ war entweder:
- Eine X.121 DTE-Adresse (internationales Format für X.25-Paketnetze, z.B.
460xxxxxxxxxfür China) - Oder eine tatsächliche Telefonnummer für die Modem-Einwahl nach Hefei
- Eine X.121 DTE-Adresse (internationales Format für X.25-Paketnetze, z.B.
Vergleich der E-Mail-Adressformate der 1980er/90er Jahre
| Netzwerk | Format | Beispiel |
|---|---|---|
| DECnet/Mail-11 | HOST::USER |
THEWAL::HARKAWIK |
| DECnet Multi-Hop | HOST1::HOST2::USER |
HEPNET::TUHEP::SLIWA |
| UUCP Bang Path | host1!host2!user |
mcvax!moskvax!user |
| Internet (SMTP) | user@host.domain |
user@cern.ch |
| X.25/PSI | PSI<DTE>::USER |
PSI30147000028::MARTINH |
| Hybrid (DESY→China) | H1::H2::PSI%<nr>::USER |
siehe oben |
Das Ergebnis: Internationale Zusammenarbeit
Die über diese primitiven, aber funktionierenden E-Mail-Verbindungen geknüpften Kontakte zwischen dem DESY und der USTC in Hefei führten zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit. Eine große Gruppe chinesischer Wissenschaftler und Ingenieure kam nach Hamburg und unterstützte den Bau von HERA.
Diese Kooperation war ein frühes Beispiel für die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit, die durch elektronische Kommunikation ermöglicht wurde – auch wenn diese Kommunikation technisch noch äußerst aufwendig war.
Technische Hintergrundinformationen
DECnet und HEPnet
DECnet war ein von Digital Equipment Corporation (DEC) entwickeltes Netzwerkprotokoll, das besonders in der wissenschaftlichen Gemeinschaft weit verbreitet war. Das HEPnet (High Energy Physics Network) verband Hochenergiephysik-Institute weltweit und nutzte DECnet als Basisprotokoll.
Die DECnet-Adressierung verwendete zwei Doppelpunkte (::) als Trennzeichen:
HOST::USERfür lokale AdressenHOST1::HOST2::USERfür geroutete Nachrichten über mehrere Knoten
X.25 und X.121
X.25 war ein internationaler Standard für paketvermittelte Netzwerke, der von vielen nationalen Telefongesellschaften betrieben wurde. Das X.121-Adressierungsschema verwendete numerische Adressen, die internationalen Telefonnummern ähnelten:
- DNIC (Data Network Identification Code): 4 Ziffern (3 für Land, 1 für Netz)
- NTN (National Terminal Number): bis zu 10 Ziffern
Chinas DNIC-Präfix war 460x, wobei das erste öffentliche Paketnetz CNPAC (China National Public Data Network) ab 1988 in Betrieb war.
Die Situation in China 1988–1995
Bedeutung für die Netzwerkgeschichte
Diese Erinnerungen dokumentieren eine Übergangszeit in der Geschichte der globalen Vernetzung:
- Heterogene Netzwerke: Verschiedene Protokolle (DECnet, X.25, Modem-Verbindungen) mussten kombiniert werden
- Gateway-Routing: Komplexe Adressierungsschemata ermöglichten die Überbrückung verschiedener Netzwerke
- Store-and-Forward: E-Mails wurden von Knoten zu Knoten weitergereicht, mit teilweise erheblichen Verzögerungen
- Wissenschaft als Treiber: Die Hochenergiephysik-Community war Pionier bei der internationalen Vernetzung
Die Adressformate dieser Zeit mögen heute kryptisch erscheinen, aber sie ermöglichten erstmals globale wissenschaftliche Kommunikation und legten den Grundstein für die Zusammenarbeit, die heute über das Internet selbstverständlich ist.
Quellen und weiterführende Informationen
- Cottrell, Les: „First permanent computer connection between China and the US“ (SLAC, 2019)
- Wikipedia: Mail-11, DECnet, X.121, UUCP
- Internet History Asia Projects: Snapshots of the Internet around 1990
- IHEP Beijing: Institute History
„In einer Zeit, als eine E-Mail nach China über Hamburg, Genf und Beijing geroutet wurde und dann per Telefonleitung ihr Ziel erreichte, wurden die Grundlagen für internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit gelegt.“